Die vorliegende ARCH+ Ausgabe „Tausendundeine Theorie“ steht für 1001 Zugänge, über die Welt zu staunen – und Anderen von diesem Staunen zu berichten. „Tausendundeine Theorie“ ist eine mal länger, mal kürzer kommentierte Liste. Aufgelistet sind 1001 in Buchform vorliegende Theorien in deutscher und englischer Sprache aus unterschiedlichen Disziplinen, die das Wort „Theorie“ beziehungsweise „Theory“ als Singular im Buchtitel oder -untertitel führen. „Tausendundeine Theorie“geht es nicht um Vollständigkeit, sondern um den Tsunami der großen Zahl, nicht um ein Monument, sondern um eine Momentaufnahme: um einen Momentalismus. Nur die Spitze des theoretischen Eisbergs wird in dieser Ausgabe sichtbar, welche aus Essays und Rezensionen zahlloser Bücher besteht. „Tausendundeine Theorie“ repräsentiert 1001 theoretische Variationen mit offenem politischen Ende.
Was das alles mit Architektur, mit Architekturtheorie zu tun hat? Nun, eine Architekturtheorie, die sich in ihren Theoriebildungen nur auf die Architektur bezieht, würde die Architektur stark unterschätzen. Schließlich ist Architektur die vielleicht komplexeste Kulturtechnik, die die Menschheit hervorgebracht hat. Nirgendwo sonst – weder in der Literatur noch im Theater noch in den Bildenden Künsten et cetera – fallen wirtschaftliche, technisch-wissenschaftliche, künstlerische, rechtliche, mediale, religiöse und politische Interessen so in eins wie beim Bauen und Planen fürs Bauen. Ein flüchtiger Blick auf die Architekturgeschichte zeigt: Gebäude sind ebenso im Kontext kultureller (nationaler, regionaler et cetera) Differenzen wie im Kontext von Transmissionsprozessen zu sehen. Sie sind Resultate kultureller Evolution, die sich kaum allein auf distinkte Einzelfiguren (Heroen der Architekturgeschichte et cetera) zurückführen lassen, sondern komplexen Rahmenbedingungen unterworfen sind: einer Gemengelage aus ökonomischen, politischen, materiellen und stilistischen Faktoren, aus Traditionen, Handwerkerregeln, Software et cetera. Dies alles steht als analytische, mithin evolutionstheoretische Aufgabe auf der Agenda einer als Kulturtheorie verstandenen Architekturtheorie, die sich nicht subjektivistischen Illusionen hingeben will. Gleichzeitig hat sich Architekturtheorie – als durchaus auch subjekt-orientierte Designtheorie – nicht nur dafür zu interessieren, was war und was ist, sondern auch, was sein soll; und dies nicht nur im engeren Sinne von wünschbaren Artefakten, sondern auch im Sinne einer wünschbaren Gesellschaft.
Mögen die Texte und Bücher von „Tausendundeine Theorie“ dazu beitragen, die Architektur stärker ins Zentrum der kulturtheoretischen Diskussion zu rücken; mögen sie 1001 Nächte lang den Tod aufschieben und das gespannte Staunen verstetigen, wie in den Erzählungen von Scheherazade.
