»The old myth that photographs tell the truth has succumbed to the new myth that they don’t.« Mit diesem Satz endete der Vortrag Allan Sekulas beim Grazer Symposion über Fotografie 1996 mit dem Titel »Agents and Agencies: Fotografie zwischen Diskurs und Dokument« (publiziert in: Camera Austria International, Nr. 59/60, 1997), das von dem Fotografen, Theoretiker, Fotohistoriker, Essayist und Filmemacher selbst kuratiert wurde. In seiner unnachahmlichen Art mäanderte Allan Sekula im Vortrag durch die Geschichte der fotografischen Repräsentation, vor allem, um sie als einen Moment von Politik zu kennzeichnen. Allan Sekula konnte zweifelsfrei eine Debattenführerschaft in diesem Feld eines erweiterten Verständnisses der dokumentarischen Praxis für sich behaupten, und hat nicht nur uns, sondern auch Christine Frisinghelli und Manfred Willmann als Gründer dieser Zeitschrift nachhaltig geprägt. Am 10. August 2013 ist Allan Sekula in Los Angeles verstorben.
Als Würdigung seiner seltenen Fähigkeit, die theoretische Debatte um Fotografie in einem gemeinsamen kritischen Projekt mit seiner künstlerischen Praxis zu verbinden, erhielt Allan Sekula 2001 den Camera Austria-Preis für zeitgenössische Fotografie der Stadt Graz. Wir haben das Cover der aktuellen Ausgabe aus diesem Grund Allan Sekula gewidmet. »Dear Bill Gates« ist sowohl Teil des gemeinsam publizierten Buches TITANIC’s wake wie auch der gleichnamigen Ausstellung, die im Jahr 2005 bei Camera Austria zu sehen war. Gemeinsam mit einem Nachruf von Christine Frisinghelli, die als langjährige Weggefährtin die kritische Hingabe an das Medium Fotografie mit Allan Sekula teilte, widmen wir dieses Heft jener Debatte um das Dokumentarische als politische Praxis, von der wir hoffen, sie mit unseren Projekten weiterführen zu können.
Camera Austria International Nr. 123 bearbeitet Konstruktionen von Geschichte und der (auch fragwürdigen bzw. befragungswürdigen) machtvollen Rolle fotografischer und filmischer Bilder in Prozessen der Herstellung neuer/alter normativer Ordnungen. Die Beiträge sind dabei getragen von visueller Opulenz (Broomberg/Chanarin) bis hin zur vollständigen Entleerung des Bildraums (Ractliffe) und markieren damit unterschiedliche Umgangsweisen mit den Repräsentationslogiken des reproduzierbaren und manipulierbaren Bildes. Wie entscheidend die (großen) Erzählungen und (individuellen) Geschichten für die Wahrnehmung von Bildern sein können und wie umgekehrt Bilder die Wahrnehmung und »Wahrheitsfindung« manipulieren, ist Thema dieser Ausgabe.
EURO 16.00
