„Die zweite Hälfte des Himmels könnt ihr haben doch das Hier und das Jetzt, das behalte ich“, verkündete Peter Hein 1980 programmatisch bei Fehlfarben. Doch schon seit den 1950ern gilt Pop gemeinhin als das Innerweltlichste und Immanenteste überhaupt. Trotzdem gab es dort immer schon – teils ironisch gebrochen, teils aber auch ganz ernst – Jenseits-Bezüge und -Diskurse. Sei es die in fast allen Künsten und Epochen anzutreffende Selbstwahrnehmung bzw. -vermarktung einzelner Akteure als „Instrument(e) Gottes“ oder Popgött_innen, seien es strukturelle Transzendenz-Effekte wie der „Evergreen“, das „Unsterblichwerden“ von Songs oder Künstler_innen oder die Herausbildung von popkulturellen Mythen oder Quasi-Religionen.
Mit dem Aufblühen expliziter Transzendenz-Bewegungen wie Free Jazz, Afrofuturismus oder den Anfängen von „Weltmusik“ in den 1960ern wurde allerdings auch Kritik an ihnen laut, der Vorwurf des Exotismus, des Eskapismus, der Esoterik … Im bewegungslinken Lager wurde diese Kritik durch die Behauptung verstärkt, dass Transzendenzbestrebungen („abfahren“, „ausklinken“, „wegdriften“) dem marxistischen Säkularismus zuwiderliefen und wertvolle Energien vom Klassenkampf abzögen, sprich: konterrevolutionär zu wirken schienen.
Auch der Frage, inwieweit damit zugleich eine ästhetisch-exotistische Kompensation der Unterdrückung eigener Transzendenz-Bedürfnisse verbunden war, versucht sich diese testcard anzunähern. Dabei gilt, dass, wie in fast allen ideologischen oder ästhetischen Pop- und Kultur-Kontroversen, auch die Haltung zur Transzendenz in den Jahren seit ca. 1990 nach und nach einer diffusen Toleranz gewichen ist, die nur dann an ihre Grenzen kommt, wenn die aus transzendenten Absolutheits- und Wahrheitsansprüchen erwachsenden Werturteile und Einstellungen bestimmter Personen oder Szenen allzu eklatant mit säkular-moralischen, z.B. antirassistischen, feministischen, anti-antisemitischen oder allgemein-humanistischen Anerkennungsansprüchen in Konflikt geraten.
Seitdem haben sich in so gut wie allen Pop-Sparten nach und nach traditionsreligiös inspirierte Vertreter_innen, esoterisch-quasi-religiöse Genres und ‚transzendenzaffine‘, d.h. meist ätherische Substile etabliert. Diese Aspekte provozieren kaum mehr Skandale, sondern fungieren in der Regel als ästhetisches Alleinstellungsmerkmal der Künstler_innen im entsprechenden Marktsegment, was aber keineswegs heißen muss, dass es den beteiligten Akteur_innen mit ihren Transzendenz-Diskursen und -Erfahrungen nicht ernst wäre. Ziel dieser testcard ist es, diesen Ernst anhand verschiedener Beispiele zu untersuchen, erwähnte „Karriere der Transzendenz“ in der Popkultur kritisch zu kommentieren und, wo nötig, „unernst“ zu relativieren.
Testcard ist eine Anthologie zur Popgeschichte und Poptheorie.
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